
Am 19. Mai 2026 unterzeichnete Präsident Trump eine Executive Order, die die Federal Reserve und die US-Bankenaufsichtsbehörden anweist, die Zugangskriterien zu Reserve Bank Zahlungskonten für Fintech- und Krypto-Unternehmen zu überprüfen. Die Order fordert die Fed auf, Möglichkeiten zur Ausweitung dieses Zugangs auf nicht versicherte Einlageninstitute und Nichtbanken, die mit digitalen Vermögenswerten arbeiten, zu prüfen. Zudem sollen transparente Antragsverfahren veröffentlicht und über eingereichte Anträge innerhalb von 90 Tagen entschieden werden. Zu den Firmen, die am häufigsten als potenzielle Zugangsberechtigte genannt werden, zählen Ripple, Anchorage Digital und Wise. Am selben Tag verschickte die Federal Trade Commission Warnschreiben an PayPal, Visa, Mastercard und Stripe, in denen sie vor der Kündigung von Dienstleistungen an regelkonforme Krypto-Unternehmen ohne nachvollziehbare Gründe warnt.
Es handelt sich hierbei um eine Überprüfungsanweisung, nicht um eine Zugangsgarantie. In den vergangenen Jahren hat die Fed zahlreiche Anträge von Krypto-nahen Unternehmen abgelehnt oder nicht entschieden. Was sich in den nächsten 90 Tagen ändert, bleibt abzuwarten.
Was die Executive Order tatsächlich verlangt
Der Wortlaut der Order vom 19. Mai ist enger gefasst, als Überschriften oft suggerieren. Sie verpflichtet das Federal Reserve Board, die Federal Reserve Banken, das Office of the Comptroller of the Currency und die FDIC zu drei konkreten Schritten. Erstens: Überprüfung des aktuellen Rahmens für Reserve Bank Master Accounts und Zahlungsdienste, insbesondere hinsichtlich nicht versicherter Einlageninstitute und Nichtbanken, die digitale Vermögenswerte verwalten. Zweitens: Entwicklung eines transparenten Antragsverfahrens mit veröffentlichten Kriterien, schriftlichen Statusmeldungen und einem dokumentierten Beschwerdeweg. Drittens: Entscheidung über vollständige Anträge innerhalb von 90 Tagen statt unbegrenzter Verzögerungen.
Die Order erklärt kein Unternehmen für berechtigt, setzt die Account Access Guidelines der Fed aus August 2022 nicht außer Kraft und ändert das Federal Reserve Act nicht. Sie verpflichtet die Fed lediglich, ihr bestehendes gestuftes Prüfverfahren innerhalb eines festen Zeitrahmens und öffentlich anzuwenden – was eine strukturelle Änderung darstellt, da bisher das Fehlen eines Zeitrahmens die Hauptbarriere war.
Die Order weist die Behörden zudem an, sich mit dem Finanzministerium hinsichtlich Stablecoin-Issuer-Zugang abzustimmen – dies ist die Verbindung zum GENIUS-Act-Rahmenwerk, das das Weiße Haus zusammen mit der Strategie zum Strategic Bitcoin Reserve und dem CLARITY Act vorantreibt. Die Regierung sieht den Zugang zu Zahlungsschienen als dritten Baustein einer umfassenden Regulierung, nach Asset-Klassifizierung und Stablecoin-Lizenzierung.
Die bisherige Haltung der Fed zu Master Accounts
Die Federal Reserve war über ein Jahrzehnt lang das Nadelöhr. Custodia Bank, eine Wyoming Special Purpose Depository Institution, stellte im Oktober 2020 einen Antrag auf ein Master Account. Die Kansas City Fed lehnte diesen Antrag im Januar 2023 ab, ein Bundesgericht bestätigte die Ablehnung im März 2024. Reserve Trust, das kurzzeitig ein Master Account für Krypto-Aktivitäten hielt, verlor dieses 2023 wieder. Seitdem verbleiben alle Krypto-nahen Anträge im Status der unbefristeten Prüfung.
Der Grund laut Fed und den Account Access Guidelines von 2022 ist ein gestuftes Prüfmodell: Tier 1 sind bundesversicherte Institute (vereinfachte Prüfung), Tier 2 sind bundesüberwachte, aber nicht versicherte Institute (detaillierte Prüfung), Tier 3 umfasst alles andere – darunter auch staatlich lizenzierte Spezialbanken und Fintechs – und wird einer strengen Prüfung ohne Zeitrahmen unterzogen. Krypto-Unternehmen fallen in Tier 3, das bisher faktisch einer Ablehnung gleichkam.
Die neue Executive Order hebt dieses System nicht auf, verpflichtet die Fed aber, Verfahren zu veröffentlichen und einen festen Zeitrahmen einzuhalten. Eine 90-Tage-Frist für Tier-3-Prüfungen stellt eine wesentliche Verfahrensänderung dar. Die Fed behält jedoch alle bisherigen Ablehnungsgründe, wie Anforderungen an Eigenkapital, Geldwäscheprävention, operationelle Risiken und Kontrahentenrisiken. Neu ist, dass Ablehnungen nun schriftlich und terminiert begründet werden müssen – was rechtlich angreifbarer ist.
Wer Anträge stellt und profitieren könnte
Laut Berichten von Reuters und The Block werden drei Unternehmen besonders häufig genannt:
Ripple: Verfügt über eine bedingte bundesweite Trust-Bank-Lizenz (seit Dezember 2025) und beantragte kurz darauf ein Master Account. Die eigene Stablecoin RLUSD hat ein Volumen von ca. 1,6 Mrd. US-Dollar und wird derzeit über Partnerbanken abgewickelt. Mit einem Master Account könnte Ripple Zahlungen direkt über das Fed-System abwickeln.
Anchorage Digital: Bundeslizenzierte Krypto-Bank, die Verwahrung für mehrere US-Bitcoin- und Ethereum-ETF-Emittenten übernimmt. Hat einen Antrag auf direkten Fed-Zugang gestellt, um Geldbewegungen für Kunden effizienter abzuwickeln.
Wise: In Großbritannien ansässiger Anbieter für grenzüberschreitende Zahlungen, der jährlich etwa 130 Mrd. US-Dollar abwickelt. Lobbyiert seit 2022 offen für direkten Fed-Zugang, um den Zwischenbank-Layer bei Transfers in die USA zu umgehen.
Die Order gilt darüber hinaus für alle Wyoming SPDIs, bundeslizenzierte Trust-Banken oder regulierte Fintechs mit vollständigem Antrag. Custodia ist das bekannteste Beispiel in dieser Gruppe und hat angekündigt, einen neuen Antrag nach dem neuen Verfahren einzureichen. Stablecoin-Emittenten wie Circle und Paxos profitieren indirekt, da die Executive Order in das parallel laufende GENIUS-Act-Stablecoin-Rahmenwerk eingebettet ist.
Gemeinsames Merkmal aller genannten Firmen: Sie sind bereits nach staatlichen oder bundesweiten Bankregimen lizenziert. Die Order öffnet den Zugang nicht für unregulierte Krypto-Börsen oder DeFi-Protokolle, sondern für Unternehmen, die sich einer bankenähnlichen Aufsicht unterziehen.
Die parallele FTC-Warnung zum Debanking
Am Tag der Unterzeichnung der Executive Order verschickte die FTC Warnschreiben an PayPal, Visa, Mastercard und Stripe. Die Behörde verweist auf ihr Mandat zum Schutz von Verbrauchern gegen unfaire oder irreführende Praktiken in Zahlungsnetzwerken. Sie stellt klar, dass das Abstellen von Dienstleistungen an regelkonforme Krypto-Unternehmen ohne nachvollziehbare, risikobasierte Begründung als potenzieller Verstoß gewertet wird.
Damit schließt die FTC eine Lücke, die für viele Unternehmen schwerwiegender war als der fehlende Zugang zu Master Accounts: Unter dem Schlagwort "Operation Chokepoint 2.0" wurde ab 2022 beobachtet, dass Banken Krypto-Kunden auf informellen regulatorischen Druck hin kündigten – oft ohne dokumentierte Begründung oder Beschwerdemöglichkeit. Die Fed entzog selbst keinem Unternehmen direkt den Zugang, übte jedoch Druck auf Korrespondenzbanken und Zahlungsnetzwerke aus.
Die FTC adressiert nun diese Weitergabeschicht. PayPal, Visa, Mastercard und Stripe wickeln gemeinsam den Großteil des US-Verbraucherzahllungsverkehrs ab. Wenn diese nun verpflichtet sind, regelkonforme Krypto-Unternehmen risikobasiert wie andere Finanzkunden zu behandeln, entfällt das wichtigste informelle Druckmittel. Ein Zahlungsabwickler kann einem Kunden nicht mehr ohne Dokumentation kündigen.
Entscheidend wird sein, ob die FTC diese Erwartung auch durchsetzt. Die Behörde hat die Befugnis, aber bislang noch keine Maßnahmen ergriffen. Sollte es zu Durchsetzungsmaßnahmen kommen, ist zunächst mit einem Beispiel an einem mittelgroßen Zahlungsdienstleister zu rechnen.
Was das 90-Tage-Fenster bewirken kann – und was nicht
Die folgende Übersicht trennt realistische Auswirkungen der Executive Order von dem, was sie nicht leisten kann:
| Zeitfenster | Was die Order bewirken kann | Was sie nicht bewirken kann |
|---|---|---|
| Ende Mai bis Juni | Überarbeitete Fed-Antragsprozesse, veröffentlichte Kriterien, schriftlicher Statusrahmen | Eine Rücknahme der Account Access Guidelines von 2022 |
| Juni bis August | Erste Entscheidungen zu Anträgen von Ripple, Anchorage, Wise, Custodia | Genehmigungen ohne Kapital-, AML- oder Risiko-Prüfung |
| Q3 2026 | Erste bedingte Master-Account-Genehmigungen mit Compliance-Bedingungen | Pauschale Zulassung für nicht-bankenregulierte Krypto-Firmen |
| Q4 2026 | Signal der FTC-Durchsetzung gegen mindestens einen Debanking-Fall | Gesetzlicher Zugangsanspruch für Krypto-Firmen |
Der wichtigste Marktkatalysator ist die bedingte Genehmigung. Sie schafft einen nachvollziehbaren Rechtsrahmen und ersetzt das bisherige Verfahren mit unbestimmter Dauer. Die Marktreaktion wird voraussichtlich auf diese Ankündigung folgen.
Als negatives Signal gilt, wenn die Fed Anträge als "unvollständig" einstuft und die Frist erneut startet – die Order verliert dann ihre Wirkung. Die Fed hat dieses Vorgehen in der Vergangenheit schon praktiziert. Eine zukünftige Regierung kann die Order zudem sofort wieder aufheben. Die veröffentlichen Verfahren hingegen bleiben bestehen, da deren Ablösung ein eigenes Regelsetzungsverfahren erfordert.
Strukturell bleibt: Die Fed agiert unabhängig von der Exekutive. Trump kann den Prüfprozess steuern und veröffentlichte Verfahren fordern, aber keine Anweisung zur Genehmigung konkreter Anträge geben. Bleiben die neuen Verfahren zwar formal korrekt, aber faktisch unverändert zu den Guidelines von 2022, bleibt der Effekt der Order auf Schlagzeilen beschränkt.
Häufig gestellte Fragen
Zwingt die Order die Fed, Krypto-Firmen Master Accounts zu geben?
Nein. Sie ordnet eine Überprüfung, ein transparentes Verfahren und eine 90-Tage-Entscheidungsfrist an. Die Fed behält alle bisherigen Kriterien und Entscheidungshoheit.
Wie passt die Order zu GENIUS Act und CLARITY Act?
Die Order ist Teil eines dreiteiligen Bundesvorhabens: Asset-Klassifizierung (SEC/CFTC), Stablecoin-Lizenzierung (GENIUS Act) und Zahlungsschienen-Zugang. Der CLARITY Act würde diese Änderungen gesetzlich verankern.
Welche Rolle spielt die FTC neben der Fed?
Die Fed kontrolliert den Zugang zu Master Accounts (oberste Zahlungsschicht); die FTC prüft unfaire Praktiken auf Verbraucherebene. Beide zusammen adressieren formelle und informelle Zugangshindernisse.
Kann eine spätere Regierung die Order aufheben?
Ja, eine Executive Order kann von jedem Präsidenten ohne Zustimmung des Kongresses aufgehoben werden. Verfahren und bereits erteilte Genehmigungen sind allerdings schwerer zurückzunehmen.
Fazit
Die Order vom 19. Mai verwandelt das bisher unbefristete Prüfverfahren der Fed in eine 90-Tage-Frist und setzt die vier größten US-Zahlungsabwickler unter FTC-Druck. Die Verfahrensänderung ist real, der tatsächliche Zugang hängt von der Ausgestaltung der neuen Fed-Kriterien ab. Marktrelevante Neuigkeiten sind im Sommer bei den ersten Entscheidungen zu Ripple, Anchorage, Wise und Custodia zu erwarten. Kommt es zu bedingten Genehmigungen, entsteht erstmals ein klarer regulatorischer Zugang für US-Krypto-Unternehmen zu Zahlungsschienen. Wird die Frist durch unvollständige Anträge zurückgesetzt, bleibt es bei Schlagzeilen ohne reale Änderung. Bis Jahresende wird Klarheit herrschen.
Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Der Handel mit Kryptowährungen ist mit erheblichen Risiken verbunden. Führen Sie stets Ihre eigenen Recherchen durch, bevor Sie Entscheidungen treffen.





