Kenneth Rogoff, Harvard-Professor und ehemaliger Chefökonom des Internationalen Währungsfonds (IWF) von 2001 bis 2003, erklärte im März 2026 an der Rice University, dass „der Welt möglicherweise eine turbulente Phase für den Dollar und das darauf aufgebaute Finanzsystem bevorsteht“. Der DXY-Dollarindex ist seit seinem Höchststand von über 109 im Januar 2025 um rund 10 % auf etwa 99 gefallen – der stärkste anhaltende Rückgang seit 1973. Der Anteil des US-Dollars an den weltweiten Devisenreserven erreichte kürzlich mit etwa 57 % ein 31-Jahrestief. In einer Kolumne vom Februar 2026 argumentierte Rogoff außerdem, dass Bitcoin als „politisch neutrales Reserve-Asset“ an Attraktivität gewinnt, während Zentralbanken sich zunehmend vom US-Dollar diversifizieren.
Für den Kryptomarkt ist diese Einordnung relevant: Wenn einer der meistzitierten Währungsökonomen der Welt nicht mehr fragt, ob der Dollar an Bedeutung verliert, sondern nur noch, wer davon profitiert, hat sich die Diskussion von der Theorie zur realen Allokation verschoben.
Was Rogoff tatsächlich sagt
Rogoffs These zieht sich durch sein 2025 erschienenes Buch Our Dollar, Your Problem, seine Kolumne vom Februar 2026 und seine Vorträge an der Rice University. Kern der Aussage: Die Dominanz des US-Dollars „bröckelt am Rand“ und die Welt bewegt sich in Richtung eines multipolaren Währungssystems, in dem Euro, Yuan und Kryptowährungen Marktanteile gewinnen.
Rogoff unterscheidet dabei zwischen der formellen Wirtschaft, in der Regierungen regulativ eingreifen können, und der informellen bzw. Schattenwirtschaft, die laut Weltbank etwa 20 % der globalen Wirtschaftsleistung ausmacht. Im letzteren Bereich setzen sich Bitcoin und Stablecoins laut Rogoff bereits durch, da sie jenseits staatlicher Sanktionen und Kapitalverkehrskontrollen funktionieren. Er schätzt, dass Transaktionen im Wert von mehreren Billionen US-Dollar in Bitcoin und Stablecoins abgewickelt werden.
Die Kolumne von Februar 2026 ergänzt einen wichtigen Aspekt: Nach dem Erlass eines strategischen Bitcoin-Reserves durch die US-Regierung im Jahr 2025 stellt Rogoff die Frage, ob andere Zentralbanken folgen sollten. Wenn diese bereits Gold kaufen, um sich vom Dollar zu diversifizieren, ist der nächste logische Schritt ein knapper, transportabler und politisch neutraler digitaler Vermögenswert. Bitcoin erfüllt diese Kriterien, auch wenn seine Volatilität und relativ kurze Historie gewisse Hürden darstellen.
Warum der Dollar tatsächlich schwächer wird
Die Rogoff-These wäre rein akademisch, wenn die Daten sie nicht stützen würden – aber aktuell sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache.
Der DXY-Index fiel in der ersten Hälfte 2025 um etwa 11 % – das schwächste Halbjahresergebnis seit über 50 Jahren, ausgelöst durch Unsicherheiten rund um die neuen US-Zölle. Der Index blieb auch Anfang 2026 unter 100, und weitere Analysten erwarten einen Rückgang in den niedrigen 90er-Bereich bis zum Jahresende.
Drei strukturelle Faktoren treiben den Rückgang, alle haben sich 2025 beschleunigt:
Zollrückwirkungen. Die wechselseitigen Zölle, die eigentlich die US-Industrie schützen sollten, haben stattdessen zu höheren Kosten, gebremstem Handel und juristischer Unsicherheit geführt. Beobachter werten eine mögliche Entscheidung des Obersten Gerichtshofs gegen die Handelsmaßnahmen als „insgesamt negativ für den Dollar“.
Schuldenentwicklung. Die US-Staatsverschuldung wächst weiterhin schneller als das BIP. Rogoff warnt, dass dies das Vertrauen in den Dollar als Reservewährung schwächt und internationale Investoren dazu verleitet, sich abzusichern.
Reserve-Diversifizierung. Der Dollar-Anteil an den weltweiten Devisenreserven sank von 65 % (2017) auf rund 57 % Ende 2025. Neben Euro und Yuan gewinnen auch „nichttraditionelle“ Währungen wie der australische und kanadische Dollar an Bedeutung. Das zeigt: Zentralbanken streuen das Risiko, ohne einen bestimmten Ersatz zu wählen.
Der BRICS-Faktor
Die BRICS-Staaten sind bei der Entdollarisierung einen Schritt weiter: Unter der indischen Präsidentschaft 2026 wurde die Umsetzung verschiedener alternativer Finanzsysteme vorangetrieben. Das BRICS-Pay-System ermöglicht die direkte Abwicklung zwischen Mitgliedswährungen. Das neue, goldgedeckte BRICS-„Unit“-Instrument startete 2026 und kombiniert 40 % Gold mit 60 % BRICS-Währungen. China hat bereits Handelsvolumen von 1,3 Billionen US-Dollar in Yuan mit ASEAN-Staaten abgewickelt – ganz ohne US-Dollar.
Das bedeutet nicht, dass der Dollar sofort verdrängt wird. Aber parallel entstehende Infrastrukturen können Alternativen zum Dollar im großen Maßstab ermöglichen – und jede neue Abwicklungsplattform, die den Dollar umgeht, könnte theoretisch auch Kryptowährungen einsetzen.
Bitcoin in einer multipolaren Welt
Sollte die Zukunft tatsächlich multipolar werden – mit Dollar, Euro, Yuan und regionalen Währungen im Wettbewerb um Handels- und Reserveflüsse – entsteht ein Bedarf an einem neutralen Brücken-Asset. Genau diese Rolle beschreibt Rogoff für Bitcoin als „politisch neutral“.
Gold hat diese Funktion zwar über Jahrhunderte erfüllt, jedoch ist Gold schwer, schwer teilbar und über Grenzen hinweg schwierig zu transportieren. Bitcoin kann global in weniger als einer Stunde abgewickelt werden, ist in acht Dezimalstellen teilbar und benötigt keine Genehmigung einer Regierung für Besitz oder Übertragung. Für die von Rogoff hervorgehobene Schattenwirtschaft sind das keine theoretischen Vorteile, sondern praktische Anforderungen.
Gegenargumente sehen die hohe Volatilität und die im Vergleich zu den Devisenreserven noch geringe Marktkapitalisierung von Bitcoin (rund 1,3 Billionen USD gegenüber 12 Billionen USD globale Reserven) kritisch. Rogoff räumt dies ein, verweist aber auf die Dynamik: Noch vor fünf Jahren war eine strategische BTC-Reserve der USA reine Theorie – heute ist sie Realität.
Gegenargument: Die Widerstandsfähigkeit des Dollars
Es wäre nicht sachlich, den Rückgang des Dollars als unausweichlich darzustellen, ohne auch dessen Stärken zu benennen:
Der US-Dollar macht weiterhin rund 88 % aller Devisentransaktionen aus. Diese Marktdominanz baut einen starken Netzwerkeffekt auf, der Wechselkosten hochhält. Zudem sind die US-Kapitalmärkte weltweit die liquidesten.
Der Reserveanteil des Dollars, auch wenn rückläufig, liegt mit 57 % noch weit vor dem Euro (20 %). Selbst bei einem Rückgang auf 50 % in den nächsten zehn Jahren bliebe der Dollar die klar dominierende Reservewährung. Auch Rogoff spricht von einer allmählichen Veränderung, nicht von einem plötzlichen Zusammenbruch.
Was bedeutet das für Krypto-Trader?
Die praktische Erkenntnis: Der Dollar verschwindet nicht über Nacht. Aber einer der glaubwürdigsten Währungsökonomen betont ausdrücklich, dass Kryptowährungen zu den Profiteuren der laufenden strukturellen Veränderungen gehören.
Das Narrativ von BTC als „digitales Gold“ gewinnt mit jedem Quartal, in dem die Dollar-Dominanz nachlässt, weiter an Stärke. Dies beeinflusst institutionelle Allokationsentscheidungen und nicht nur den Einzelhandel. Auch Stablecoins profitieren paradoxerweise von einem schwächeren Dollar – denn in Schwellenländern wächst die Nutzerbasis, wenn das Vertrauen in Fiat-Währungen sinkt. Rogoff spricht von einem langfristigen Wandel, gemessen in Jahrzehnten, nicht Wochen.
BTC lag Ende März 2026 bei etwa 67.000–71.000 US-Dollar und damit rund 44 % unter seinem Allzeithoch. Sollte sich die Dollar-Schwächung beschleunigen, könnte das aktuelle Niveau als bedeutende Akkumulationszone gewertet werden. Sollte dies nicht eintreten, gibt es für BTC weiterhin die Effekte der Halbierung, ETF-Zuflüsse und regulatorische Fortschritte als unabhängige Stützen.
Häufig gestellte Fragen
Hat Kenneth Rogoff gesagt, dass Bitcoin den US-Dollar ersetzen wird?
Nein. Rogoff stellt klar, dass Kryptowährungen den Dollar in der regulierten Wirtschaft nicht ablösen können, da Regierungen dort starke Durchsetzungsmöglichkeiten haben. Seine Argumentation fokussiert sich darauf, dass Bitcoin und Stablecoins in der informellen Wirtschaft, die etwa 20 % des weltweiten BIP ausmacht, zunehmend genutzt werden.
Wie stark ist der Wert des US-Dollars tatsächlich gefallen?
Der DXY fiel von über 109 im Januar 2025 auf etwa 99 Anfang 2026 – ein Rückgang von rund 10 %. Der Anteil des Dollars an den internationalen Reserven sank von etwa 65 % (2017) auf rund 57 % Ende 2025. Das ist ein deutlicher, aber gradueller Rückgang – kein plötzlicher Einbruch.
Ist Bitcoin wirklich ein „neutrales Reserve-Asset“?
Theoretisch ja: Bitcoin wird nicht von einer Regierung ausgegeben, kann nicht durch Geldpolitik entwertet werden und ist unabhängig von Gegenparteirisiken haltbar. Praktisch gesehen erschweren aber Volatilität und die relativ kurze Historie den breiten Einsatz als Zentralbankreserve. Die politische Debatte hat sich jedoch seit dem US-Erlass zur Bitcoin-Reserve von der Frage „Sollten Zentralbanken Bitcoin halten?“ zu „Wie viel?“ verlagert.
Was passiert mit Krypto, wenn der Dollar stabil bleibt?
Eine Stabilisierung des Dollars würde das Entdollarisierungs-Narrativ verlangsamen, aber andere Nachfragetreiber für Bitcoin blieben bestehen: ETF-Zuflüsse, die Angebotsreduktion durch das Halving 2024 und mehr regulatorische Klarheit. Das schwächere Dollar-Narrativ ist also ein zusätzlicher Impuls, aber nicht der einzige.
Fazit
Rogoff argumentiert nicht, dass die Dollar-Ära vorbei ist – sondern, dass die Zeit unangefochtener Dollar-Vorherrschaft endet. Das eröffnet neue Chancen, insbesondere für Kryptowährungen, aber auch für den Euro und den Yuan, denen Eigenschaften wie politische Neutralität und grenzüberschreitende Nutzbarkeit zugeschrieben werden. BTC im Bereich von 67.000–71.000 USD bei gleichzeitigem Mehrjahrestief des DXY und einem 31-Jahrestief des Dollar-Reserveanteils ist eine Konstellation, die insbesondere langfristig orientierte Anleger beobachten werden. Der multipolare Wandel ist Realität und die Daten bestätigen dies bereits – die Frage bleibt, wie schnell die Entwicklung fortschreitet.
Dieser Artikel dient nur zu Informationszwecken und stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Der Handel mit Kryptowährungen ist mit erheblichen Risiken verbunden. Führen Sie stets eigene Recherchen durch, bevor Sie Handelsentscheidungen treffen.






