Zölle auf chinesische Waren liegen derzeit bei 145 %, und die Debatte in Washington dreht sich nicht mehr um das "Ob", sondern um das "Wie schnell" ein Ausstieg aus chinesischer Mining-Hardware erfolgen soll. Die Senatoren Cassidy und Lummis stellten am 30. März 2026 den Mined in America Act vor, der zertifizierte US-Mining-Unternehmen dazu verpflichten soll, bis Ende des Jahrzehnts vollständig auf Hardware chinesischer und russischer Hersteller zu verzichten. Das Timing ist dabei kein Zufall: Die USA kontrollieren etwa 38 % der weltweiten Bitcoin-Hashrate (ca. 400 EH/s), doch rund 97 % der eingesetzten ASIC-Hardware stammen von drei chinesischen Unternehmen. Diese Abhängigkeit stellt eine zentrale Schwachstelle der amerikanischen Krypto-Infrastruktur dar – und die Zahlen einer vollständigen Zoll-Umsetzung zeigen, warum.
Ende März 2026 notiert der BTC-Kurs bei etwa 67.000 US-Dollar. Nach der Halbierung im April 2024, bei der die Blockbelohnung auf 3,125 BTC sank, ist die Profitabilität bereits angespannt. Ein 100%-Zoll auf chinesische ASICs könnte das Geschäft für viele US-Miner unwirtschaftlich machen.
Wer produziert die Mining-Hardware und warum ist das relevant?
Drei Unternehmen dominieren die gesamte ASIC-Lieferkette: Bitmain besitzt 82 % der weltweiten Bitcoin-ASIC-Produktion, MicroBT etwa 15 % und Canaan etwa 2 %. Alle drei wurden in China gegründet und kontrollieren zusammen 99 % des Marktes für die Spezialchips zum Bitcoin-Mining.
Die einzige US-Alternative ist Auradine (nun Velaura AI), die Teraflux-Miner mit einer Effizienz von 9,8 J/TH herstellen und ab Q3 2026 in größerem Umfang ausliefern wollen. Doch deren Produktionsvolumen ist im Vergleich zu Bitmain verschwindend gering. Intel hat sich komplett aus dem Mining-Chip-Geschäft zurückgezogen. Von einer Substitution chinesischer Kapazitäten durch US-Fertigung ist in den nächsten 2–3 Jahren nicht realistisch auszugehen.
Diese Konzentration macht die Mining-Branche besonders sensibel für Zölle: Die Kernkomponenten lassen sich kaum anderswo beschaffen.
Quelle: CoinShares
Kostenberechnung bei 100%-Zöllen
Bitmains neueste Antminer-S21-XP-Modelle kosten aktuell zwischen 4.000 und 5.500 US-Dollar (je nach Modell und Konfiguration). Ältere S21-Modelle liegen bei etwa 800 US-Dollar auf dem Zweitmarkt. Ein 100%-Zoll auf direkt aus China importierte Geräte verdoppelt die Anschaffungskosten.
So sieht das in der Praxis aus:
| Szenario | Neue ASIC-Kosten (S21 XP) | Strom-Breakeven pro BTC | Gesamtkosten-Breakeven pro BTC |
|---|---|---|---|
| Aktuell (ohne Zoll) | 4.500–5.500 USD | ca. 74.000 USD | ca. 95.000–114.000 USD |
| 100%-Zoll auf chinesische ASICs | 9.000–11.000 USD | ca. 74.000 USD | ca. 120.000–145.000 USD |
| Südostasien-Umweg (Teilzoll) | 5.500–7.000 USD | ca. 74.000 USD | ca. 105.000–125.000 USD |
Die Stromkosten bleiben unverändert, da Zölle nur die Investitions-, nicht aber die Betriebskosten betreffen. Doch die Gesamtkosten inklusive Geräteabschreibung (typischerweise 2–3 Jahre) steigen stark an. Bei einem BTC-Kurs von 67.000 USD wären in allen Szenarien neue Mining-Investitionen unwirtschaftlich.
Das wird oft übersehen: Die Profitmarge ist nach der Halbierung bereits gering. Eine Verdoppelung der Hardwarekosten macht neue Flotten für US-Miner mit vollem Zoll wirtschaftlich nicht sinnvoll.
Südostasien als Umgehungsweg
Bitmain und MicroBT haben darauf reagiert und einen Teil der Produktion nach Malaysia, Thailand und Indonesien verlagert. MicroBT eröffnete 2023 eine US-Montage, Bitmain startete im Januar 2026 eine US-Fertigungslinie.
Die Strategie: Durch Montage in Südostasien oder den USA lässt sich der China-spezifische Zoll umgehen. Die Zölle auf Einfuhren aus Südostasien liegen je nach Land bei 25–46 %, was deutlich günstiger ist als 145 % auf Direktimporte aus China. Bei Montage in den USA mit importierten Komponenten ist der Zoll oft noch niedriger.
Doch es gibt Grenzen: Die ASIC-Chips selbst werden weiterhin nach chinesischen Designs und in chinesisch kontrollierten Lieferketten gefertigt. Die Montage lässt sich verlagern, Fachwissen und Chipfertigung nicht so einfach. Werden die Zölle ausgeweitet oder das Mined in America Act wie geplant umgesetzt, könnte auch der Umweg über Südostasien versperrt werden.
Wer profitiert, wer verliert bei vollständigem Zoll?
Die Umverteilung der Mining-Power ist eine der wichtigsten Folgen – und läuft dem Ziel amerikanischer Energiedominanz entgegen.
US-Miner sind die Hauptverlierer: Die 38 % Hashrate-Anteil der USA hängen von ständigen Flotten-Upgrades ab. Nach der Halbierung mussten viele marginale Betreiber bereits aufgeben. Ein Anstieg der Hardwarekosten um 22–36 % (aktueller Schätzwert laut AInvest) verstärkt diesen Druck. Ein 100%-Zoll wäre besonders für kleine und mittlere US-Miner existenzbedrohend.
Russische Miner profitieren: Russland hält etwa 16,4 % der weltweiten Hashrate und kann Hardware aus China zollfrei beziehen. Russische Betreiber zahlen für den Bitmain S21 XP ca. 4.500 USD, US-Miner 9.000 USD oder mehr. In Kombination mit niedrigen Strompreisen (unter 0,03 USD/kWh) sind russische Mining-Kosten deutlich wettbewerbsfähiger. Analysten wie The Block sehen Russland als klaren Profiteur (
Quelle).
US-Hersteller profitieren politisch: Auradines Teraflux-Serie und andere US-Chipentwickler könnten von einem geschützten Markt profitieren. Doch bis zur Schließung der Fertigungslücke auf Bitmain-Niveau vergehen Jahre und erfordern enorme Investitionen. Das Mined in America Act bietet zwar Fördermittel, aber die Halbleiterproduktion lässt sich nicht beliebig beschleunigen.
Auswirkungen auf Bitcoin-Preis und Netzwerksicherheit
Die Auswirkungen auf den BTC-Kurs sind zweischneidig.
Steigen die Mining-Kosten, verkaufen Miner weniger BTC, da ihre Bestände einen bereits investierten Wert darstellen und bei knapperem Angebot im Wert steigen könnten. Weniger Verkaufsdruck kann für einen stabileren BTC-Kurs sorgen. Nach dem Mining-Bann in China 2021 fiel die Hashrate kurzfristig um 50 %, doch der BTC-Preis erreichte wenig später neue Höchststände.
Die Sicherheit des Netzwerks ist die Kehrseite: Gehen US-Miner wegen zu hoher Kosten offline und wandert die Hashrate in Länder mit weniger Regulierung, nimmt die geografische Konzentration zu (z. B. Russland, ggf. wieder China). Die globale Hashrate liegt Ende März 2026 bei rund 860 EH/s. Ein deutlicher Rückgang der US-Hashrate gefährdet zwar nicht das Protokoll, untergräbt aber das politische Ziel der Dezentralisierung.
Das Paradoxe: Zölle, die den chinesischen Einfluss auf US-Infrastruktur reduzieren sollen, könnten die Hashrate eher nach Russland und andere nicht verbündete Länder verlagern – und damit das Gegenteil des eigentlichen Ziels bewirken.
Häufig gestellte Fragen
Würde ein 100%-Zoll tatsächlich ASIC-Miner betreffen?
ASIC-Miner werden als spezialisierte Computerhardware klassifiziert und unterliegen generellen China-Zolltarifen. Die konkrete Höhe hängt vom Importweg ab. Direktimporte aus China werden mit 145 % belegt, Montage in Drittländern ist günstiger, was Bitmain und MicroBT bereits nutzen.
Können US-Unternehmen Bitmain und MicroBT kurzfristig ersetzen?
Nicht in naher Zukunft. Auradine (jetzt Velaura AI) ist der einzige US-ASIC-Hersteller, produziert aber nur einen Bruchteil der benötigten Chips. Intel ist ausgestiegen. Ein Hochlauf auf Bitmain-Niveau würde jahrelange Investitionen bedeuten. Auch mit Anreizprogrammen bleibt die Produktionslücke bis mindestens 2028/2029 bestehen.
Wie wirken sich Zölle auf die Mining-Profitabilität aus?
Zölle erhöhen die Investitionskosten (Hardware), nicht aber die laufenden Betriebskosten (Strom). Für US-Miner steigt die Break-even-Schwelle von ca. 95.000–114.000 USD auf 120.000–145.000 USD pro BTC bei voller Zollbelastung. Bei aktuellen Kursen um 67.000 USD wären neue Investitionen nicht wirtschaftlich.
Machen höhere Zölle das Bitcoin-Netzwerk sicherer?
Die geografische Verteilung nimmt ab, was ein Risiko darstellt. Verschiebt sich die Hashrate aus den USA in weniger regulierte Regionen, wird das Netzwerk politisch angreifbarer. Das Protokoll bleibt zwar sicher, aber das politische Risikoprofil verändert sich.
Fazit
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: US-Miner stellen 38 % der weltweiten Hashrate, sind aber zu 97 % auf chinesische Hardware angewiesen. Ein Zoll von über 50 % macht neue US-Mining-Investitionen bei aktuellen BTC-Kursen unwirtschaftlich. Die bestehenden 145 % auf direkte China-Importe führen bereits zu Ausweichbewegungen nach Südostasien. Das Mined in America Act zielt auf einen vollständigen Ausstieg bis Ende des Jahrzehnts ab, aber die US-Fertigung kann die Lücke frühestens ab 2028 schließen.
Wer die Auswirkungen versteht, beobachtet die Folgen: Fällt die US-Hashrate, sinkt der Verkaufsdruck der Miner, und das Kursniveau stabilisiert sich tendenziell. Wandern die Mining-Kapazitäten nach Russland oder Kasachstan ab, passt sich die Netzwerk-Schwierigkeit an und das globale Mining-Gleichgewicht verschiebt sich. Sollte der BTC-Kurs erst ab 90.000–100.000 USD wieder profitabel für US-Miner werden, könnte dies mittelfristig zum neuen Zielwert werden. Die Diskussion um Zölle geht weit über Handelspolitik hinaus – sie verändert die Kostenstruktur des gesamten Kryptomarktes.
Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Der Handel mit Kryptowährungen ist mit erheblichen Risiken verbunden. Führen Sie stets eigene Recherchen durch, bevor Sie Handelsentscheidungen treffen.






