
Das Open Interest an Bitcoin-Futures ist von einem Höchststand von rund 42 Milliarden US-Dollar Anfang Mai auf etwa 25 Milliarden US-Dollar Ende des Monats gefallen – der niedrigste Wert seit sechs Monaten. Der Rückgang betrifft CME, große Offshore-Perpetual-Börsen und On-Chain-Perpetual-DEXs. Finanzierungsraten für Offshore-Perpetuals wechselten von durchgehend positiv Anfang Mai zu neutral bis negativ am Monatsende, und der Cash-and-Carry-Basisunterschied zwischen CME-Futures und Spot fiel von 12 % (annualisiert) auf etwa 4–5 % zurück.
Dies ist ein Beispiel für einen sogenannten „Leverage Flush“ in Echtzeit. Die zuvor im Frühjahr aufgebauten Positionierungen (mit Anstiegen bis über 96.000 USD) wurden weitgehend bereinigt. Der Abwärtsdruck durch Zwangsliquidationen ist größtenteils aufgebraucht. Gleichzeitig fehlt nun auch der Auftrieb durch neue gehebelte Long-Positionen. Der Markt startet in den Juni mit einem deutlich flacheren Positionierungsprofil als den Großteil des bisherigen Jahres. Dieses Setup kann entweder zu einer starken Bewegung führen, wenn neues Kapital einfließt, oder zu einer längeren Seitwärtsphase, während sich der Markt für die nächste Richtung entscheidet.
Was sagt das Open Interest von 25 Milliarden US-Dollar wirklich aus?
Open Interest bezeichnet den Dollarwert aller offenen Futures-Kontrakte. Steigt es, werden netto neue Positionen eröffnet; sinkt es, werden bestehende Positionen geschlossen. Der Rückgang von 42 Mrd. auf 25 Mrd. US-Dollar im Mai entspricht etwa 17 Mrd. US-Dollar an Positionsschließungen über die wichtigsten Handelsplätze hinweg – einer der stärksten monatlichen Rückgänge der letzten 18 Monate.
Quelle: CoinGlass
Die Zusammensetzung der Schließungen ist entscheidend: Das CME-Open-Interest fiel von ca. 13 Mrd. auf 7 Mrd. US-Dollar, hauptsächlich durch das Auflösen von Cash-and-Carry-Strategien. Das Offshore-Perpetual-Open-Interest sank von etwa 24 Mrd. auf 14 Mrd. US-Dollar – getrieben durch Long-Liquidationen während des Ausverkaufs Mitte Mai und aktive Positionsschließungen von Makro- und quantitativen Fonds. Das Open Interest bei On-Chain-Perpetual-DEXs sank von etwa 5 auf 4 Mrd. US-Dollar, was einen relativ geringeren Rückgang widerspiegelt, da On-Chain-Trader Positionen tendenziell länger halten.
Die Umkehr der Finanzierungsraten ist die zweite Bestätigung: Auf Offshore-Plattformen lagen diese im April und Anfang Mai bei +0,05 % bis +0,08 % pro 8-Stunden-Zeitraum, was die übliche positive Tendenz bei überwiegen Long-Nachfrage widerspiegelt. In der letzten Maiwoche fielen die durchschnittlichen Raten auf rund -0,005 % bis +0,005 %, also um die Nulllinie. Neutrale Finanzierungen signalisieren, dass gehebelte Long-Positionen nicht mehr bereit sind, eine Prämie für Exposure zu zahlen.
Warum dieses Szenario an den Reset vom Februar 2026 erinnert
Die historisch ähnlichste Situation war der Open-Interest-Reset im Februar 2026. Damals sank das BTC-Open-Interest von Mitte Januar bis Mitte Februar von ca. 40 Mrd. auf 28 Mrd. US-Dollar – ebenfalls durch einen Leverage Flush. Die Situation am Tiefpunkt war vergleichbar: Das Funding war neutral, der Cash-and-Carry-Basisunterschied geschrumpft, und der BTC-Kurs pendelte am unteren Rand einer Range. Drei Wochen später stieg BTC von diesem lokalen Tief um 7.000 US-Dollar und leitete damit die nächste Aufwärtsbewegung ein.
Der Mechanismus war damals klar: Nach der Bereinigung der Positionierungen reichte ein moderater Zufluss an Spot-Nachfrage, um die Range nach oben zu verlassen. ETF-Zuflüsse wurden positiv, größere Strategien nahmen Käufe wieder auf, und die On-Chain-Nachfrage stieg. Diese Kombination sorgte für den Range-Ausbruch.
Auch das aktuelle Setup zeigt ein ähnliches Strukturprofil. Ob sich das Ergebnis wiederholt, hängt davon ab, ob tatsächlich wieder Spot-Zuflüsse einsetzen. ETF-Flows sind auf 10-Tages-Basis noch leicht negativ. Die Ausgabepipeline der Strategie ist intakt. Das makroökonomische Umfeld ist gemischt: Das GENIUS Act Compliance-Fenster für Stablecoins lenkt institutionelles Kapital teilweise von BTC-Direktexposure zu Stablecoin-Yield-Produkten.
Wichtige Kursbereiche in der ersten Juniwoche
Drei Niveaus bestimmen die Struktur für den Handel rund um die erste Juniwoche. Erstens: 76.000 US-Dollar – das Niveau, das nach dem Ausverkauf Mitte Mai durchbrochen wurde und für eine bullische Umkehr zurückerobert werden müsste. Ein Wochenschluss über 76.000 US-Dollar bei anhaltendem Volumen würde den Abwärtstrend neutralisieren und die nächste potenzielle Aufwärtsbewegung ermöglichen.
Zweitens: 72.000 US-Dollar – die wichtigste Unterstützungszone, die im Frühjahr mehrfach verteidigt wurde. Ein Tagesschluss unter 72.000 US-Dollar würde die Frühjahrsstruktur brechen und die nächste Supportzone bei 68.000 US-Dollar aktivieren.
Drittens: 68.000 US-Dollar – der mittelfristige Boden, der seit dem Anstieg im Januar 2026 gehalten hat. Ein Bruch dieses Niveaus bei deutlichem Volumen würde das Bild für das Jahr verändern und eine tiefere Korrekturzone Richtung 60.000–62.000 US-Dollar öffnen.
Die Wahrscheinlichkeitsbewertung zwischen diesen drei Levels ist klar: Ein Halten über 72.000 US-Dollar und die Rückeroberung von 76.000 US-Dollar lassen die Frühjahrsdynamik weiterlaufen und könnten eine Fortsetzung in Richtung der vorherigen Hochs bei 96.000 US-Dollar ermöglichen. Ein Halten über 72.000 US-Dollar ohne Rückeroberung von 76.000 US-Dollar spricht für einen Range-Handel bis Anfang Juli. Ein Bruch unter 72.000 US-Dollar macht eine größere Korrektur wahrscheinlicher.
Mögliche Katalysatoren für eine Richtungsentscheidung
Vier Faktoren könnten die Richtung in der ersten Juniwoche beeinflussen:
- Normalisierung der ETF-Flows: Anhaltend positive Nettozuflüsse (mehr als drei Tage in Folge) würden signalisieren, dass die institutionelle Rotation, die im Mai für Abflüsse sorgte, beendet ist. Die Flussdaten sind öffentlich einsehbar und dienen als klarer Indikator.
- Kaufverhalten großer Strategien: Die Strategie hat letzte Woche den Kauf von 24.869 BTC bei 80.985 USD gemeldet. Ein Anschlusskauf Anfang Juni würde den strukturellen Kauftrend bestätigen. Eine Pause im Kaufverhalten würde dieses Signal unterbrechen.
- Makroökonomischer Kalender: Die Veröffentlichung der US-Arbeitsmarktdaten am 4. Juni und der CPI-Daten am 11. Juni könnten BTC in der ersten Monatshälfte bewegen. Schwache NFP-Daten könnten Zinssenkungsspekulationen für 2026 fördern und Risikoanlagen stützen, während starke Inflationsdaten das Gegenteil bewirken würden.
- Zeitplan zur Umsetzung des GENIUS Acts: Die US-Bankenaufsicht wird voraussichtlich in der ersten Junihälfte Regeln zum Stablecoin-Lizenzregime veröffentlichen. Klarheit könnte institutionelles Kapital zurück in den Markt bringen. Verzögerungen würden die Rotation zu tokenisierten Geldmarktprodukten verlängern.
Wie man das Open Interest für Positionsgrößen interpretiert
Für aktive Trader bedeutet der Leverage Flush, dass die Wahrscheinlichkeit abrupter Bewegungen durch Zwangsliquidationen gesunken ist. Die meisten strukturellen Long-Positionen, die bei einer starken Abwärtsbewegung liquidiert worden wären, sind bereits aufgelöst. Die verbliebenen Longs sind meist mit geringerer Hebelwirkung und in kleinerem Umfang positioniert. Diese Struktur führt zu engerer realisierter Volatilität und klareren technischen Marken.
Im Gegenzug ist aber auch die Wahrscheinlichkeit eines plötzlichen Kurssprungs durch Short Squeeze reduziert. Auch die Short-Seite ist nicht stark aufgebaut. Der Markt beginnt den Juni mit ausgeglichener Positionierung, was entweder für eine Range-Phase oder einen Ausbruch spricht, der eher durch Spot-Nachfrage als durch Hebelwirkung ausgelöst wird.
Für den Zusammenhang zwischen Leverage, Finanzierungsraten und Preis analysiert der Phemex-Artikel zu Umkehrkerzen die Candle-Signale, die mit Funding-Wechseln einhergehen. Die ergänzende Analyse zu Candlestick-Mustern behandelt die übergeordneten Signalstrukturen.
Häufig gestellte Fragen
Was bedeutet ein Rückgang des Open Interest für den Preis?
Ein fallendes Open Interest zeigt, dass Positionen insgesamt geschlossen werden. Ob das bullisch oder bärisch ist, hängt davon ab, welche Marktseite abgebaut wird. Im Mai 2026 war der Rückgang vor allem durch Long-Schließungen bedingt – kurzfristig technisch bärisch, strukturell aber mittelfristig bullisch, da der "Abwärtsdruck" abgebaut wird.
Wie lange dauert ein Leverage-Reset typischerweise?
Typischerweise folgt auf einen großen Open-Interest-Reset eine 2–6-wöchige Konsolidierung, während der Markt neue Preise findet und frisches Kapital entscheidet, ob es einsteigt. Ein Ausbruch aus dieser Phase wird meist von Spot-Nachfrage getrieben, nicht von Hebelwirkung.
Ist negatives Funding immer bullisch?
Nein. Negatives Funding ist dann bullisch, wenn es nach einem Leverage Flush an einer strukturellen Unterstützung auftritt – dann ist die Short-Seite überhebelt und anfällig für einen Squeeze. An einem Breakdown-Level kann negatives Funding aber auch auf aktive Short-Positionierung informierter Trader hindeuten und bärisch sein.
Was ist der Unterschied zwischen CME und Offshore-Perpetual-Open-Interest?
CME-Open-Interest bezieht sich auf US-regulierte Futures, gehandelt vor allem von Institutionen, Hedgefonds und im Cash-and-Carry-Bereich. Offshore-Perpetual-Open-Interest wird vor allem von gehebelten Privatanlegern und Prop-Trading-Firmen dominiert. Beide Gruppen reagieren auf unterschiedliche Marktsignale, weshalb die Zusammensetzung einer Open-Interest-Bewegung entscheidend ist.
Fazit
Das Open Interest an Bitcoin-Futures ist auf ein 6-Monats-Tief von 25 Mrd. US-Dollar gefallen; Finanzierungsraten wechselten ins Neutrale/Negative und die Cash-and-Carry-Basis fiel von 12 % auf 4–5 %. Die Hebelstruktur des Frühjahrs ist damit weitgehend verschwunden. Das Setup ähnelt dem Reset vom Februar 2026, der einem BTC-Anstieg von 7.000 US-Dollar vorausging – das Ergebnis hängt nun davon ab, ob ETF-Zuflüsse zurückkehren, große Strategien weiter kaufen, makroökonomische Daten mitspielen und der GENIUS Act planmäßig umgesetzt wird. Die entscheidenden Kursmarken sind 76.000 US-Dollar (Rückeroberung für bullische Umkehr), 72.000 US-Dollar (Verteidigung der Frühlingsstruktur) und 68.000 US-Dollar (mittelfristiger Boden). Die erste Juniwoche dürfte die Weichen für das zweite Quartal stellen. Verfolgen Sie ETF-Flows, Strategie-Käufe und makroökonomische Daten. Positionsgrößen sollten auf Volatilität, nicht auf Überzeugung, abgestimmt werden.
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Der Handel mit Kryptowährungen ist mit erheblichen Risiken verbunden. Bitte führen Sie immer Ihre eigene Recherche durch, bevor Sie Handelsentscheidungen treffen.






