
Der Vorsitzende des US-Kongressausschusses für Aufsicht, James Comer, hat am 22. Mai formelle Untersuchungsanfragen an den Polymarket-CEO Shayne Coplan und den Kalshi-CEO Tarek Mansour gesendet. Bis zum 5. Juni sollen die Unternehmen Unterlagen zu Identitätsprüfungen, Geo-Restriktionen und zur Erkennung ungewöhnlicher Handelsaktivitäten vorlegen. Auslöser waren unter anderem Recherchen der New York Times, die mehr als 80 Polymarket-Konten mit verdächtigem Timing identifizierten – beispielsweise Wetten kurz vor bislang nicht öffentlich bekannten US- und israelischen Militäroperationen gegen Iran. Zudem wurde am 24. April ein Bundesanklage gegen US-Army Sergeant Gannon Ken Van Dyke erhoben. Ihm wird vorgeworfen, mit vertraulichen Informationen zu „Operation Absolute Resolve“ durch Wetten auf Prognosemärkten mehr als 409.000 US-Dollar erzielt zu haben.
Es handelt sich ausdrücklich noch nicht um ein Ergebnis, sondern um eine Untersuchung mit Befugnis zur Zeugenladung. Ziel ist es, strukturelle Risiken von Prognosemärkten zu adressieren. Wer über nicht-öffentliche Informationen verfügt, kann diese direkt durch binäre Kontrakte monetarisieren, die beim Bekanntwerden der Ereignisse ausgezahlt werden.
Was genau untersucht wird
Die Schreiben des Kongressausschusses vom 22. Mai sind zwar formal eng gefasst, decken inhaltlich aber ein breites Spektrum ab. Comer fordert von beiden Unternehmen alle relevanten Dokumente und Kommunikationsprotokolle seit Januar 2024, die fünf Bereiche abdecken: Verfahren zur Identitätsprüfung sowie die Häufigkeit von Kontosperrungen, Durchsetzung von Geo-Blockaden (inklusive Daten zur Nutzung von VPNs durch US-Nutzende), Systeme zur Handelsüberwachung (vor allem Erkennung und Eskalation ungewöhnlicher Positionen), etwaige Meldungen an CFTC, DOJ oder andere Behörden und interne Richtlinien zum Umgang mit sensiblen Informationen.
Stichtag ist der 5. Juni – eine für Kongressstandards sehr kurze Frist, was darauf schließen lässt, dass der Ausschuss bereits eine klare Hypothese verfolgt.
Wichtig ist auch die Fragestellung: Comer prüft nicht die grundsätzliche Legalität von Prognosemärkten. Kalshi ist ein von der CFTC regulierter Markt, Polymarket hat 2022 mit der CFTC einen Vergleich geschlossen. Im Fokus steht, ob die Überwachungs- und Zugangskontrollen dieser Plattformen ausreichen, insbesondere nachdem ein Urteil des D.C. Circuit 2024 den Weg für Event-Kontrakte auf Wahlen und politische Ergebnisse freigegeben hat.
Die 80-Konten-Muster laut New York Times
Die Recherche der New York Times (veröffentlicht fünf Tage vor Comers Schreiben) identifizierte über 80 Polymarket-Konten mit Wettmustern, die laut Zeitung „statistisch nicht mit öffentlich zugänglichen Informationen zum Zeitpunkt des Handels übereinstimmten“. Die größte Häufung betraf Kontrakte im Zusammenhang mit Iran (März bis Mai), wobei mehrere Konten Positionen zu Fragen wie „Wird die USA bis 30. Juni iranische Nuklearanlagen angreifen?“ eröffneten – jeweils 6 bis 48 Stunden vor öffentlicher Berichterstattung zur Operation.
Keiner der im NYT-Bericht genannten Nutzer wurde bislang angeklagt. Die Konten sind mit USDC-Wallets verbunden; Transaktionen sind on-chain nachvollziehbar, aber die Identitäten dahinter bleiben verborgen. Das ist ein strukturelles Problem: Polymarket ist ein Offshore-Orderbuch auf Polygon, mit USDC-Denomination. Prinzipiell kann jede Person weltweit Positionen eingehen, ohne Identität offenzulegen – unproblematisch für Unterhaltungswetten, kritisch für binäre Kontrakte auf geheimdienstliche Operationen.
Zwei Muster tauchen in den Daten der 80 Konten immer wieder auf: Positionen werden unmittelbar vor Marktschluss stark aufgestockt (was eher auf Informationslecks als Analyse hinweist) und dieselben Wallet-Cluster erscheinen bei verschiedenen, nicht verbundenen Ereignissen – was auf eine kleine Zahl von Insidern oder Broker für mehrere Quellen hindeutet.
Die Anklage gegen Van Dyke als Fallbeispiel
Im Mittelpunkt der Untersuchung steht die Bundesanklage gegen Sergeant Gannon Ken Van Dyke vom 24. April (Ostbezirk Virginia). Vorgeworfen werden unbefugte Weitergabe geheimer Informationen, Betrug und Geldwäsche. Van Dyke hatte als Signals Intelligence Spezialist Zugang zu Details der Operation Absolute Resolve und eröffnete Positionen auf Polymarket und Kalshi – etwa auf den Zeitpunkt der Festnahme von Maduro. Laut Anklage erzielte er so zwischen Mitte März und Anfang April mehr als 409.000 US-Dollar Gewinn.
Der Fall Van Dyke ist für die Untersuchung aussagekräftig, da es einen namentlich bekannten Angeklagten und einen konkreten Bezug zu einem geheimen Programm gibt. Dies verschiebt das Thema von „Verdachtsmomenten“ hin zu „belegten Vorfällen“, die durch Überwachungssysteme nicht erkannt wurden.
Bemerkenswert: Van Dyke nutzte laut Anklage auch sein verifiziertes Kalshi-Konto (mit vollständigem KYC) für einen Teil der Transaktionen. Damit blieb eine sechsstellige Summe auf Kontrakten, die direkt mit seinem militärischen Aufgabenfeld verknüpft sind, unentdeckt. Genau diese Überwachungslücke soll die Dokumentenabfrage zum 5. Juni aufdecken.
Polymarket und Kalshi: Unterschiede bei Regulierung und Überwachung
Die beiden Plattformen unterscheiden sich grundlegend und werden voraussichtlich unterschiedlich beurteilt werden.
Polymarket ist Offshore (Panama), denominiert in USDC, läuft auf Polygon und hat einen Marktanteil von ca. 70 % am globalen Prognosemarkt-Volumen. Nach der CFTC-Einigung von 2022 sind US-Nutzer offiziell ausgeschlossen (IP-Blocking), doch VPN-Umgehungen sind laut NYT und CFTC gängig. Es gibt kein KYC für normale Nutzende. Alle Transaktionen sind on-chain sichtbar, die Wallets jedoch pseudonym. Ausführlichere Funktionsweise findet sich im Phemex Academy-Artikel zu Polymarket.
Kalshi hingegen ist ein von der CFTC regulierter US-Markt (DCM), handelt in US-Dollar, verlangt vollständiges KYC und hat eine kleinere Marktpräsenz (je nach Monat einstellig bis niedrige zweistellige Prozentanteile). Die Verträge sind US-legal und US-gelistet. Der Nachteil für Kalshi: Vollständige Identitätsprüfung bedeutet auch höhere regulatorische Anforderungen – weshalb der Fall Van Dyke für Kalshi schwerwiegender ist als das NYT-Muster für Polymarket.
| Dimension | Polymarket | Kalshi |
|---|---|---|
| Jurisdiction | Offshore (Panama) | USA, CFTC-reguliert (DCM) |
| Abwicklungswährung | USDC auf Polygon | US-Dollar |
| KYC erforderlich | Nein | Ja |
| Zugang für US-Retail | Geo-Block, VPN-Umgehung üblich | Direkter Zugang in den USA |
| Globaler Marktanteil | ~70 % | Einzel- bis niedrige Zehnerprozent |
| Überwachungsfokus | Identität, Geo-Block, On-Chain-Monitoring | KYC-Verknüpfung, Positionsgrößen-Flags |
Eine Einführung in die Funktionsweise dieses Plattformtyps bietet der Phemex Academy-Artikel Was sind Prediction Markets?.
Was wird am 5. Juni erwartet?
Die Frist ist auf die Vorlage von Dokumenten und elektronischer Kommunikation ausgelegt, nicht auf Zeugenaussagen. Dies ist üblich, wenn die Ergebnisse als Basis für eine mögliche öffentliche Anhörung dienen sollen. Drei Faktoren entscheiden, ob die Untersuchung in einer ruhigen Weiterleitung oder in einer öffentlichen Diskussion endet:
Erstens: Die Überwachungsaufzeichnungen selbst. Konnte Kalshi die Van Dyke-Positionen intern erkennen und eskalieren, kann das Unternehmen argumentieren, dass die Systeme grundsätzlich funktionieren. Falls nicht, könnte die CFTC gezwungen sein, Überwachungsstandards für Prognosemärkte nach dem Vorbild der Wertpapierbörsen anzuordnen.
Zweitens: Die Geo-Block-Daten von Polymarket. Weist Polymarket einen erheblichen VPN-Anteil in den USA nach (Schätzungen zufolge 25–40 % des Traffics), könnte der CFTC-Vergleich von 2022 als faktisch nicht durchgesetzt gelten. Die CFTC einigte sich damals auf eine Strafe von 1,4 Mio. USD und eine US-Sperre. Liegt der US-Anteil tatsächlich bei 30 % oder mehr, wäre diese Sperre wenig wirksam gewesen.
Drittens: Die Handhabung verdächtiger Aktivitäten. Haben die Unternehmen bereits auffällige Muster an CFTC oder FBI gemeldet und wie wurde damit verfahren? Falls dies trotz dokumentierter Muster nie geschah, könnte das zum Hauptthema werden.
Laut Bloomberg haben beide Firmen externe Rechtsberater hinzugezogen und wollen vollständig mit dem Ausschuss kooperieren – eine Standardstellungnahme, die aber keine Aussagen über den Inhalt der Dokumente trifft.
Häufig gestellte Fragen
Ist die Nutzung von Polymarket aus den USA illegal?
Polymarket ist für US-Nutzer nach Einigung mit der CFTC (2022) gesperrt. Zugriff per VPN verstößt gegen die Nutzungsbedingungen und kann eine Verletzung der Vergleichsvereinbarung darstellen. Die eigentliche Rechtsgefahr besteht jedoch darin, wenn auf Basis nicht-öffentlicher Informationen gehandelt wird – dies ist unabhängig von der Plattform illegal.
Gab es vor Van Dyke bereits Anklagen wegen Insiderhandel auf Prognosemärkten?
Van Dyke ist der erste Fall einer Bundesanklage basierend auf Prognosemarkt-Transaktionen mit geheimen Informationen. Die CFTC hat in der Vergangenheit Betreiber (wie Polymarket 2022) verwaltungsrechtlich belangt, aber kein Nutzer wurde vor April 2026 strafrechtlich verfolgt.
Droht Polymarket oder Kalshi eine Schließung?
Ein vollständiges Verbot ist derzeit unwahrscheinlich. Die Untersuchung zielt auf Lücken bei Überwachung und Zugangskontrolle, nicht auf die grundsätzliche Legalität. Wahrscheinlicher sind strengere Überwachungs- und KYC-Anforderungen. Eine Schließung würde eine direkte CFTC-Maßnahme oder neue Gesetzgebung erfordern – beides ist aktuell nicht absehbar.
Wie unterscheidet sich das von Insiderhandel an klassischen Finanzmärkten?
An Wertpapierbörsen ist die Überwachungsinfrastruktur etabliert, und die SEC verfolgt Informationslecks seit Jahrzehnten. Prognosemärkte sind als Branche noch jung, und die Überwachung ist weniger ausgereift. Auszahlungen erfolgen zudem meist viel schneller (Stunden bis Tage), was sie für Insider besonders attraktiv macht. Die Regulierungsmaßnahmen zielen genau auf diese Lücke ab.
Fazit
Am 5. Juni entscheidet sich, wie es weitergeht. Können Polymarket und Kalshi belegen, dass sie über wirksame interne Überwachung verfügen und der Van Dyke-Fall ein Ausreißer war, könnte die Untersuchung zu einer Anpassung der Regulierung führen, ohne die Plattformen grundsätzlich zu gefährden. Deuten die Unterlagen aber auf systemische Lücken hin, könnte die CFTC neue Regeln für Prognosemärkte erlassen und eine öffentliche Anhörung folgen. Die Reaktion der CFTC in den Wochen nach dem 5. Juni wird wegweisend sein.
Dieser Artikel dient ausschließlich zu Informationszwecken und stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Der Handel mit Kryptowährungen ist mit erheblichen Risiken verbunden. Bitte recherchieren Sie eigenständig, bevor Sie Handelsentscheidungen treffen.






