
Marvell schloss am Freitag, dem 5. Juni, mit einem Minus von 8 % – der gravierendste Einbruch infolge der AVGO-Anpassung im Custom-ASIC-Bereich. Der breitere Nasdaq gab an Donnerstag und Freitag zusammen 4 % nach, und im Halbleitersektor wurden an diesen beiden Tagen insgesamt etwa 1 Billion US-Dollar an Marktkapitalisierung ausgelöscht. Der Kursrückgang bei MRVL fiel dabei stärker aus als beim Index, da das Custom-ASIC-Geschäft, das durch den AVGO-Bericht infrage gestellt wurde, den gesamten Wachstumsausblick von MRVL prägt.
Anfang Mai war MRVL an einem Tag um 21 % gestiegen, nachdem Jensen Huang Marvell in seiner Computex-Keynote als „nächstes Billionen-Dollar-Unternehmen“ hervorgehoben hatte. Dieser Schub basierte auf der Annahme makelloser Ausführung bei den Programmen AWS Trainium, Google TPU und Meta MTIA. Der Großteil dieses Gewinns ist in nur zwei Sitzungen wieder verloren gegangen. Der nächste richtungsweisende Impuls für die Aktie ist nun der Quartalsbericht am 18. Juni, der entweder die aktuelle Konsolidierungsphase bestätigt oder eine Entlastungsrally einleiten könnte.
Warum Marvell stärker betroffen war als der Gesamtindex
Am offensichtlichsten ist die Überschneidung im Geschäftsmodell: Marvells Custom-ASIC-Programme bedienen dieselben Hyperscaler-Kunden wie Broadcom, und auch die Architektur der Designgewinne ist strukturell ähnlich. AWS Trainium2, Googles Axion-nahe TPU-Iterationen und Metas MTIA-Inferenzbeschleuniger entstehen allesamt im Co-Design-Modell: Marvell oder Broadcom entwickeln gemeinsam mit dem Kunden die Chip-Architektur und TSMC fertigt die Siliziumchips.
Als Hock Tan in der AVGO-Telefonkonferenz das KI-SAM-Ziel für 2027 bei 100 Milliarden US-Dollar nicht anhob, wurde dies im gesamten Custom-ASIC-Segment als Zeichen einer vorübergehenden Nachfrageschwäche bei den Hyperscalern gewertet. MRVL ist stärker von Einzelkunden abhängig als AVGO, was bedeutet, dass eine Nachfrageschwäche eines einzigen Kunden bei MRVL stärker ins Gewicht fällt als bei AVGO – der Kursrückgang von 8 % spiegelt diese Asymmetrie wider.
Der Großteil der Verkäufe erfolgte systematisch und durch Momentum-Strategien: Laut von Bloomberg erhobenen CME-Orderflow-Daten konzentrierte sich der Hauptteil der MRVL-Verkäufe auf die ersten 90 Minuten am Freitag. Das deutet darauf hin, dass vor allem Trendfolger ihre Positionen nach der Computex-Rally abbauten. Auf der Investor-Relations-Seite von Marvell gibt es keine Meldungen, die das Ausmaß dieses Kursrückgangs erklären könnten – das spricht dafür, dass es sich eher um eine Positionsanpassung als um eine fundamentale Neubewertung handelt. Die langfristig orientierten Investoren haben überwiegend gehalten, was darauf schließen lässt, dass der Tiefpunkt der Bewegung eher im Bereich der Veröffentlichung am 18. Juni liegt als auf dem aktuellen Kursniveau.
Computex-Euphorie und die neue AVGO-Realität
Die Erwähnung von Jensen Huang auf der Computex war eine strategische Partnerschaftsbekundung und keine konkrete Auftragsankündigung. Huang nannte Marvell als wichtigen Partner im Bereich optische Komponenten und Netzwerke für künftige NVDA-Referenzplattformen. Das signalisiert, dass die NVDA-MRVL-Beziehung im Bereich KI-Infrastruktur intakt ist und wächst. Die Aktie stieg daraufhin in einer Sitzung um 21 %.
Die AVGO-Telefonkonferenz vermittelte zur gleichen Endkundengruppe eine andere Botschaft: Tan erklärte, dass die Custom-ASIC-Bestellzyklen der Hyperscaler bis ins dritte Quartal und eventuell bis ins frühe vierte Quartal konsolidiert werden. Erst mit der nächsten Spezifikationsrunde, die für die Architektur-Generation 2027 relevant ist, wird wieder Wachstum erwartet (siehe Broadcom Q2 2026 Earnings Transcript auf Broadcom IR). Diese Aussage gilt ebenso für Marvells Auftragsbuch, da die Kunden und Einkaufszyklen identisch sind.
Faktisch ist die Computex-Story strukturell intakt, aber das nächste beschleunigte Gewinnwachstum dürfte sich zeitlich nach hinten verschieben. MRVL könnte bei planmäßigem Ramp-up der 2027er-Programme allein mit dem Custom-ASIC-Geschäft eine Marktkapitalisierung von über 100 Milliarden US-Dollar erreichen – wie von Reuters-Analysten nach der Computex-Keynote kommentiert. Die aktuelle Neubewertung am Markt betrifft die Frage, ob sich dieser Ramp-up um sechs Monate verzögert.
Warum der Quartalsbericht zum 18. Juni der nächste Katalysator ist
Der Q1-Bericht von MRVL ist für den 18. Juni nach Börsenschluss angekündigt (siehe Marvell IR Earnings Calendar), und seine Bedeutung ist durch das AVGO-Signal zur Konsolidierungsphase gestiegen: Der Bericht könnte diese Entwicklung bestätigen oder relativieren. Drei Kennzahlen stehen dabei im Fokus:
Erstens: Der Umsatzanteil der Custom-ASIC-Sparte am Gesamtumsatz. MRVL erwartet, dass das Segment KI-Infrastruktur im Geschäftsjahr 2027 mehr als 50 % des Umsatzes ausmacht; die Q1-Zahl ist der beste Indikator, ob dieser Trend intakt bleibt. Verfehlt MRVL die KI-Quote, wäre das eine Bestätigung der Konsolidierungsphase. Eine Punktlandung würde das Bild teils revidieren, ein besser als erwartetes Ergebnis könnte den Optimismus zurückbringen.
Zweitens: Der Ausblick für die Ramp-ups der Programme Trainium, TPU und MTIA. CEO Matt Murphy war bislang stets offen bezüglich der Visibilität auf Programmebene, und seine Formulierungen für das kommende Quartal und das Gesamtjahr werden entscheidend sein. Positives Wording eröffnet Aufwärtspotenzial, vorsichtiges Wording würde das AVGO-Bild bestätigen.
Drittens: Die Entwicklung der operativen Marge. Custom-ASIC-Programme starten mit geringeren Margen als Standardprodukte, MRVL stellt aber Wachstum in Aussicht, sobald sich die Programme einpendeln. Ein Rückschritt bei der Margenerweiterung wäre das negativste Signal, da es auf eine Verschlechterung der Preissetzungsmacht gegenüber den Kunden hindeuten könnte.
Der Bericht ist eingebettet in den breiteren Kontext zu KI-Agents bei Phemex, in dem das KI-Infrastruktursegment die kapitalintensivste Story im Halbleiterbereich darstellt.
Unterstützungszonen und die Zukunft des Custom-ASIC-Narrativs
MRVL beendete den Freitag bei rund 70 US-Dollar. Die Unterstützungszonen sind klar definiert:
66 US-Dollar ist die unmittelbare Bewährungsprobe – dies ist der Konsolidierungsbereich von Anfang Mai vor dem Computex-Anstieg. Sollte sich der Kurs dort stabilisieren und im Vorfeld des Berichts wieder über 74 Dollar steigen, wäre das positiv zu werten.
58 US-Dollar ist die strukturelle Unterstützung – das Februartief, das nach den Turbulenzen um DeepSeek entstand. Ein Bruch der 66-Dollar-Marke dürfte schnell einen Test der 58-Dollar-Zone nach sich ziehen. Dort entscheidet sich, ob die langfristige These Bestand hat. Ein klarer Rebound bei 58 Dollar mit positiver Tendenz wäre das bullische Szenario. Ein Schlusskurs darunter würde die mehrmonatige Basisstruktur auflösen und 48 Dollar als nächste zentrale Unterstützung ins Spiel bringen.
Das Custom-ASIC-Narrativ bleibt fundamental intakt, auch wenn sich die Bewertung verringert. Die Hyperscaler setzen weiterhin auf eigene Siliziumlösungen, und Marvell ist bei drei von vier wichtigen Programmen auf der strategischen Roadmap. Der Markt bewertet nicht das Geschäftsmodell neu, sondern nur den Bewertungsfaktor. Eine Konsolidierungsphase führt zu einer niedrigeren Bewertung, ein Nachfragerückgang hingegen würde das Geschäft gefährden. Aktuell liegt nur Ersteres vor.
Häufig gestellte Fragen
Ist MRVL auf dem aktuellen Kursniveau kaufenswert?
Der abwartende Ansatz wäre, den Bericht am 18. Juni und die Bestätigung der 66-Dollar-Unterstützung abzuwarten. Ein Kauf davor wäre eine Wette darauf, dass CEO Matt Murphy positive Aussagen zu den Programmen liefert. Das Chance-Risiko-Verhältnis verbessert sich, wenn der Custom-ASIC-Anteil im Bericht passt und ein Rücksetzer auf 58 Dollar als Kaufgelegenheit genutzt werden kann.
Wie genau wirkt sich die AVGO-Konsolidierung auf MRVLs Umsatz aus?
Die Konsolidierungsphase verzögert das nächste Auftragswachstum um schätzungsweise zwei bis drei Quartale. Das bedeutet, dass MRVLs Umsatz bis ins Geschäftsjahr 2027 leicht unter den ursprünglichen Erwartungen liegen könnte – auch wenn die Programme gesund bleiben. Der adressierbare Gesamtmarkt schrumpft nicht, sondern der Zeitpunkt der nächsten Wachstumsphase verschiebt sich nach hinten.
Warum ist MRVL bei vier Hyperscalern engagiert, AVGO aber nur bei dreien?
MRVL hat Designaufträge von AWS, Google, Meta und Microsoft (letzteres wird als Maia-Siliziumpartnerschaft gehandelt), während AVGO bei Google, Meta und ByteDance vertreten ist. Die Kundenbasis überschneidet sich zwar, ist aber nicht identisch; MRVL ist breiter aufgestellt. Das hilft in einem normalen Nachfragemarkt und mildert die Belastung in Konsolidierungsphasen teilweise ab.
Was würde das positive Szenario komplett entkräften?
Eine Enttäuschung beim Bericht am 18. Juni in Kombination mit einem negativen Ausblick für den KI-Infrastrukturanteil wäre ein klares Signal, dass die Konsolidierungsphase tiefer ist als erwartet. Kommt ein Bruch der 58-Dollar-Marke hinzu, könnte ein Kursrutsch Richtung 48 Dollar erfolgen. Solange dieses Doppelszenario nicht eintritt, bleibt das positive Szenario auf längere Sicht bestehen.
Fazit
MRVL verlor am Freitag 8 % aufgrund der Auswirkungen der AVGO-Anpassung im Custom-ASIC-Bereich, wodurch der Großteil der Kursgewinne nach der Computex-Keynote wieder verloren ging. Die fundamentale Unternehmensgeschichte bleibt intakt. Die Kundenbindungen zu AWS, Google, Meta und Microsoft stehen nicht in Frage. Der Zeitplan für das nächste Umsatzwachstum ist das Thema, das vom Markt neu bewertet wird. Der Q1-Bericht am 18. Juni ist der nächste Katalysator: Er bestätigt entweder die Konsolidierungsphase mit schwacher KI-Umsatzquote oder liefert mit positiven Aussagen zu den Programmeinführungen Entlastung. Unterstützungszonen liegen bei 66 und 58 Dollar – ersteres ist relevant für den kurzfristigen Trade, letzteres für die langfristige These. Die Bewertung sinkt in der Konsolidierungsphase, das Geschäftsmodell bleibt jedoch bestehen.
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