
Am 19. Mai 2026 unterzeichnete Präsident Trump eine Anordnung, wonach die US-Notenbank (Federal Reserve) prüfen soll, ob Fintechs und Nichtbanken, die digitale Vermögenswerte abwickeln, Zugang zu den Zahlungssystemen der Fed erhalten können. Die Entscheidung muss innerhalb von 90 Tagen, also bis Mitte August, fallen. Die Anordnung erwähnt keine CBDC und muss dies auch nicht – indem die Fed Zahlungsinfrastruktur für private US-Dollar-Stablecoin-Emittenten wie Tether, Circle, PayPal und First Digital öffnet, setzt die US-Regierung klar auf Stablecoins als digitale Dollar, statt auf eine zentralbankgestützte Lösung. Dies sendet ein klares Signal an andere Länder.
Diese Weichenstellung ist relevant, da ähnliche Debatten in allen großen Volkswirtschaften stattfinden. China integriert den e-CNY in den Großhandel, die EZB bereitet die Einführung des digitalen Euro vor, und Brasiliens Drex befindet sich im Pilotbetrieb. Die USA gehen mit ihrem Vorgehen bewusst einen anderen Weg. Im Folgenden wird erläutert, was Stablecoins und CBDCs sind, wo sie aktuell Anwendung finden und wie sich das 90-Tage-Fenster der Fed auswirkt.
Was sind Stablecoins und wie funktionieren sie?
Stablecoins sind privat ausgegebene Token, die eins-zu-eins gegen einen Referenzwert (fast immer den US-Dollar) eingelöst werden können. Tethers USDT ist der Marktführer mit einer Marktkapitalisierung von über 140 Milliarden US-Dollar (Stand Mai 2026), gefolgt von Circles USDC mit rund 60 Milliarden US-Dollar. PayPals PYUSD, First Digitals FDUSD und einige regulierte Bank-Token machen den Rest des Marktes aus. Das gesamte Stablecoin-Volumen beträgt etwa 230 Milliarden US-Dollar und hat sich seit Anfang 2025 verdoppelt.
Das Reserve-Modell sichert die Wertstabilität. Jeder Token wird durch kurzfristige US-Staatsanleihen, Repogeschäfte und ähnliche liquide Mittel gedeckt. Die Emittenten veröffentlichen regelmäßig Bestätigungen der Reserven durch Wirtschaftsprüfer. Circle veröffentlicht wöchentliche Übersichten, Tether legt quartalsweise Berichte vor. Nutzer haben eine Forderung gegenüber dem Emittenten, der die Reserven hält. Die Token werden auf Blockchains wie Ethereum, Solana, Tron und Base übertragen – die Abwicklung erfolgt in Sekunden und kostet nur Cents.
Quelle: Circle
In den USA regelt derzeit der [GENIUS Act] die rechtlichen Rahmenbedingungen. Er führt eine bundesweite Lizenz für "zugelassene Zahlungs-Stablecoin-Emittenten" ein und gibt klare Vorgaben zu Reserven, Offenlegung und Rückzahlung. Die STABLE Act regelt ergänzend auf Bundesstaatsebene. Regulierte Stablecoins gelten weder als Wertpapier noch als Rohstoff, sondern nehmen eine eigene rechtliche Stellung ein, sodass Banken und Fintechs sie in bestehende Zahlungssysteme integrieren können.
Stablecoins erfüllen Funktionen, für die theoretisch eine CBDC erforderlich wäre: Sie ermöglichen Zahlungen rund um die Uhr, internationale Transaktionen ohne Korrespondenzbanken, sind programmierbar und wickeln laut Visa jährlich ein Volumen von rund 30 Billionen US-Dollar ab.
Was sind CBDCs und wie ist der globale Stand?
Central Bank Digital Currencies (CBDC) sind digitale Zentralbankverbindlichkeiten – ausgegeben und kontrolliert vom Staat. Es gibt zwei Arten: Wholesale-CBDCs für den Interbankenverkehr (weitgehend unstrittig) und Retail-CBDCs für Privatpersonen und Unternehmen (hier liegt der politische Streitpunkt).
Laut BIS-Umfrage 2024 prüfen 134 Länder, die 98% des weltweiten BIP repräsentieren, Formen von CBDCs. Chinas e-CNY ist der größte Retail-Pilot, mit über 7 Billionen Yuan Transaktionsvolumen und Integration in staatliche Gehaltszahlungen und Steuererstattungen. Die EZB will 2027 über die Einführung des digitalen Euro entscheiden. Brasiliens Drex läuft im Test, Indiens e-Rupie hat etwa 6 Millionen Nutzer. Nigerias eNaira wurde zwar eingeführt, erzielte aber nur eine geringe Akzeptanz.
Die USA gehen einen anderen Weg: Bereits im Januar 2025 untersagte eine Anordnung den Bundesbehörden, eine Retail-CBDC zu schaffen, unter Verweis auf Datenschutz- und Überwachungsbedenken. Die neue Anordnung vom 19. Mai 2026 setzt diesen Kurs fort: Die Fed soll die bestehenden Stablecoins als faktischen Digitaldollar nutzen, statt eine eigene CBDC zu entwickeln.
Die Strukturentscheidung hinter Trumps Anordnung
Kern der Anordnung ist, dass die Fed innerhalb von 90 Tagen einen Rahmen für die Zulassung von Zahlungskonten für "Nichtbanken, die digitale Vermögenswerte abwickeln" vorlegen soll. Ein Master-Konto bei der Fed ermöglicht direkte Abwicklung über Fedwire/FedNow – bisher fast ausschließlich Banken vorbehalten.
Würden Circle, PayPal oder Tether direkten Zugang erhalten, gäbe es drei wesentliche Änderungen: Stablecoin-Einlösungen würden direkt in Zentralbankgeld abgewickelt, das senkt das Kreditrisiko. Die Emittenten könnten Zinsen auf ihre Reserven bei der Fed verdienen, was ihr Geschäftsmodell stärkt. Zudem würde sich der rechtliche Status eines regulierten Stablecoins dem eines tokenisierten Bankguthabens annähern.
Diese Entscheidung ist strukturell: Sobald private Emittenten im Zahlungssystem der Fed integriert sind, entfällt praktisch der politische Druck, eine staatliche CBDC zu entwickeln. Die US-Regierung beantwortet damit die Frage, wer den Digitaldollar ausgibt: Die Privatwirtschaft – mit Zugang zur Infrastruktur der Fed. Das unterscheidet sich deutlich von China, der EU und anderen großen Jurisdiktionen.
Vorteile und Nachteile beider Modelle
Stablecoins und CBDCs sind nicht austauschbar – jedes Modell hat eigene Stärken und Schwächen.
| Dimension | Stablecoins (privat) | CBDCs (öffentlich) |
|---|---|---|
| Emission | Privatunternehmen mit bundesweiter Lizenz | Zentralbank, direkte Verbindlichkeit |
| Settlement Layer | Öffentliche Blockchains, 24/7, final in Sekunden | Zentrale, von Zentralbank kontrolliert |
| Reservenrisiko | Bonität des Emittenten und Qualität der Reserven | Nur Staatsbonität |
| Programmierbarkeit | Offene Smart Contracts, offen für Entwickler | Funktionsumfang durch Zentralbank gesteuert |
| Datenschutz | Pseudonym, rückverfolgbar per Chain Analytics | Meist mit Identitätsbindung |
| Zensurresistenz | Emittent kann einfrieren, Blockchain permissionless | Zentralbank kann einfrieren/beschränken |
| Grenzüberschreitend | Nativer Transfervorgang ohne Banken | Pilotprojekte für CBDC-Brücken |
| Geschäftsmodell | Emittent verdient an Treasuries | Kostenstelle für Zentralbank |
| Aktuelle Nutzung | 230 Mrd. USD Volumen, 30 Bio. USD p.a. | Meist Pilotprojekte, außer China |
Stablecoins punkten bei Programmierbarkeit (offene Blockchains), grenzüberschreitender Nutzung (keine Korrespondenzbanken) und einem selbsttragenden Geschäftsmodell (Emittenten profitieren von Reserveerträgen). Daher wachsen USDT und USDC, während CBDC-Piloten oft an staatlichen Budgets scheitern.
CBDCs bieten maximale Sicherheit (Staatsbonität) und ermöglichen politische Programme wie befristete Auszahlungen oder Ausgabebeschränkungen – das ist aber politisch umstritten und wird fast nur in China umgesetzt.
Beim Datenschutz ist die Trennlinie klar: Stablecoins sind standardmäßig pseudonymisiert (Analyse durch Drittanbieter möglich); Retail-CBDCs binden meist jede Transaktion an eine Identität.
Was ändert sich in den nächsten 90 Tagen?
Die Fed muss bis Mitte August einen Rahmen veröffentlichen. Entscheidend sind:
Zulassungskriterien für Nichtbanken: Werden nur Unternehmen mit GENIUS-Lizenz und bankähnlichen Auflagen zugelassen, sind Circle und PayPal dabei. Für Tether ist die Lage unsicher.
Zinsregelung für Reserven: Dürfen Emittenten Zinsen auf ihre Fed-Reserven erhalten, stärkt das Stablecoins enorm. Andernfalls bleibt es ein Abwicklungs-Upgrade.
Banken-Lobby: Große Geschäftsbanken könnten den Zugang beschränken wollen, um ihre Margen zu schützen. Die politische Gewichtung entscheidet über den endgültigen Umfang.
Fazit: Das Stablecoin-Volumen dürfte unabhängig von den Details profitieren. Schon eine eingeschränkte Umsetzung verbessert die Rahmenbedingungen, zieht institutionelles Kapital an und stärkt den onchain-US-Dollar.
Häufig gestellte Fragen
Gibt es künftig keine US-CBDC mehr?
De-facto ja, aber formal nicht ausgeschlossen. Frühere Anordnungen verbieten eine staatliche Retail-CBDC und die neue setzt auf Stablecoins. Ein Politikwechsel wäre möglich, aber die privatwirtschaftliche Infrastruktur ist deutlich weiter entwickelt.
Konkurrenz zwischen Stablecoin und CBDC?
Im Zahlungsverkehr ja. Regulierte, dollarbesicherte Stablecoins auf öffentlichen Chains erfüllen fast alle Funktionen einer CBDC, mit mehr Programmierbarkeit und weniger Identitätsbindung. Einzig das Staatsrisiko bleibt als Unterschied für sehr große Reserven.
Kommt der digitale Euro trotzdem?
Die EZB verfolgt den Plan mit politischem Rückhalt weiter. Ein Ziel ist, die europäische Souveränität gegen US-Dollar-Stablecoins zu schützen – Trumps Entscheidung könnte diesen Trend verstärken.
Was bedeutet das für USDT- und USDC-Nutzer?
Das Verwahrungsrisiko sinkt, da die Abwicklung näher an der Fed erfolgt und weniger von Geschäftsbanken abhängt. Der USDC-Vorfall 2023 zeigt, wie wichtig dies sein kann. Achten Sie auf Emittenten mit transparenter Reserveberichterstattung und ausreichend Liquidität.
Fazit
Die Debatte Stablecoin gegen CBDC wird aktuell in den USA faktisch zugunsten von privatwirtschaftlichen Stablecoins entschieden. Die 90-Tage-Frist der Fed ist entscheidend: Öffnet man zugelassenen Emittenten den Zugang und lässt sie Reservenzinsen verdienen, steigt das Stablecoin-Volumen und Onchain-Settlement wird zur systemrelevanten Infrastruktur. Bleibt der Rahmen eng, wächst der Sektor dennoch weiter. Klar ist: Der zukünftige Digitaldollar wird privat, reguliert und blockchainbasiert sein.
Dieser Artikel dient ausschließlich Informationszwecken und stellt keine Finanz- oder Anlageberatung dar. Der Handel mit Kryptowährungen ist mit erheblichen Risiken verbunden. Führen Sie stets Ihre eigene Recherche durch, bevor Sie Handelsentscheidungen treffen.
